Verlorener Sohn auf Heimatsuche: Jörn Klare in Hohenlimburg

Selbst überrascht waren die Verantwortlichen bei den 62. Schlossspielen von der großen Resonanz auf die einzige Lesung im diesjährigen Programm. Doch Hohenlimburg vergisst seine großen Söhne nicht, auch wenn sie in die Fremde ziehen mussten, um ihr Glück zu machen. Dies gilt seit fast 150 Jahren für USA-Auswanderer Wilhelm Böing, dem Vater des Gründers der Boeing-Flugzeugwerke, und es gilt auch für Jan und Jörn Klare, die als Jazz-Musiker beziehungsweise Autor fernab der Heimat Karriere machten.

Seinen Bezug zur Heimat klären wollte in der Mitte seines Lebens denn auch Jörn Klare, und so begab er sich auf die 600 Kilometer lange Wanderschaft von seinem heutigen Wohnort Berlin nach Hohenlimburg, das er Ende der 80-er Jahre verlassen hatte. Herausgekommen ist dabei das Buch „Nach Hause gehen“, das den Heimatbegriff aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln der Gesprächspartner, denen Klare auf dem langen Weg begegnete, beleuchtet. Es war jedoch auch ein Weg zu sich selbst und seinen Wurzeln, den der 51-Jährige ganz bewusst mit der Beschwerlichkeit und Langsamkeit eines Fußmarsches auf sich nahm.

Rund 100 Besucher wollten ihn als Zuhörer im Historischen Schlossrestaurant begleiten und lauschten dabei auch den Zwischenspielen seines Bruders Jan, der am Vorabend seines 55. Geburtstages anspruchsvolle Saxophonklänge zur Komposition des Abends beitrug. Der Querdenker, dem die Musikwelt Werke wie die Fußballoper „Das Duell D/NL 74“ und die Kammeroper „Ich war die Krawatte von Prinz Claus“ verdankt, erlag auch in seiner Heimatstadt nicht der Versuchung, seine künstlerische Identität einer weichgespülten, applausträchtigen Massenkompatibilität zu opfern.

Wiedererkennungswert lieferten hingegen viele Passagen des neuen Buches von Jörn Klare, spätestens als dieser seine frühere Heimat, die nie wieder sein Lebensmittelpunkt sein wird, erreicht hat. Der Schock über den Zustand des alten Gymnasiums, zum Zeitpunkt von Klares Besuch nur mehr eine Ruine, das Entsetzen über den Leerstand in der Innenstadt und die lieblose Stadtplanung im Bereich der neuen Brücke, all dies konnten die Zuhörer nachvollziehen, auch wenn sie es durch die die Augen eines heute fast Fremden noch einmal neu erblickten.

Heimatgefühle weckten bei Klare hingegen eher die Begegnungen mit den alten Freunden, die dem Städtchen treu geblieben sind. Der Umgang mit ihnen war genau wie früher, und als Klare ihre Namen nannte, ging hie und da ein leises Raunen durch die Reihen. Man kennt sich halt in Hohenlimburg, und auch das macht Heimat aus. Wie vielfältig der Heimatbegriff sein kann, dem jeder, den Klare unterwegs befragt hat, seine ganz eigene Definition zuordnet, vermittelt „Nach Hause gehen“ wohltuend nachdenklich und unaufgehübscht. Zu unterstreichen ist der Satz eines Mescheder Geistlichen, der Klare am Ende eines langen Gespräches sehr dankbar ist. Warum? „Sie haben die richtigen Fragen gestellt!“ Diese Erkenntnis zieht sich für den Leser durch das gesamte, 240 Seiten starke Meisterwerk.

Am Ende waren starker Applaus und ein restlos ausverkaufter Berg Bücher, die Jörn Klare geduldig und gut gelaunt signierte, Beleg dafür, dass der Autor den Menschen in seinem Geburtsort mit dieser Lesung viel Freude gemacht hat. Der Oeger Junge indes wird auch weiterhin ein Suchender bleiben, denn trotz vieler wertvoller Erkenntnisse, die er auf seiner Wanderung von der Spree zur Lenne am Wegesrand aufsammelte, steht am Ende doch Klares ernüchternde Feststellung: Ich bin kein Berliner!

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