Abschied von Florian Ludwig mit Mahlers Meisterwerk

Dissonanzen um Dankesrede des Oberbürgermeisters. „Wo die Sprache aufhört, fängt die Musik an“, zitierte Hagens Oberbürgermeister Erik O. Schulz in seiner Dankesrede an den scheidenden Generalmusikdirektor Florian Ludwig vor dem zehnten und letzten Saisonkonzert des Sinfonieorchesters Hagen aus gutem Grund den großen Schriftsteller E.T.A. Hoffmann. Doch die wohlgesetzten Worte des Stadtoberhauptes vermochten es nicht, für einen versöhnlichen Abschied der Stadt Hagen vom 47-jährigen Dirigenten zu sorgen – zu tief war der in zahlreichen erbitterten Scharmützeln vertiefte Riss zwischen dem angesichts gewaltiger Schulden zum Sparen gezwungenen Verwaltungschef und dem leidenschaftlichen Orchesterleiter, der das finanzielle Streichkonzert gegenüber seinem Haus auch persönlich nahm, zumal dem Orchester angesichts der Geldnot schon bald personelle Einschnitte drohen.

Erst als Schulz, der seine Ansprache an den „lieben Florian Ludwig“ von einem schlecht platzierten und längst nicht von allen Plätzen sichtbaren Notenständer aus vortragen musste, die Rede beendet hatte, betrat der Generalmusikdirektor die Bühne, richtete sich zunächst sorgfältig am Pult ein und drückte danach dem längst wieder in die erste Sitzreihe zurückgekehrten Oberbürgermeister kurz die Hand – das hatte schon Merkel/Seehofer-Atmosphäre! Auf dieser Bühne, so machte das künstlerische Alphatier ein letztes Mal deutlich, bin ich der unangefochtene Regent im Reich der Musik! Der Oberbürgermeister besaß die Größe, dies und manche Spitze im Anschluss des Konzerts über sich ergehen zu lassen. Er zählte am Ende zu den letzten Zuhörern, die eine fast ausverkaufte Stadthalle verließen.

Trotz solcher Dissonanzen wurde auch musiziert – und zwar großartig. „Abschied“ hieß das Leitmotiv des zehnten Sinfoniekonzerts, und im ersten Teil bedeutete dies den Abschied des Generalmusikdirektors vom Philharmonischen Chor. Die Komposition der „Nänie“ von Johannes Brahms ist dem Andenken des Malers Anselm Feuerbach gewidmet und gab dem Chor, der 2011 von Florian Ludwig gegründet wurde, die Gelegenheit, sein leidenschaftliches Können unter Beweis zu stellen. Gleiches galt für die Darbietung des zehn Jahre zuvor von Brahms geschriebenen  Schicksalsliedes.

Welche Kraft der Musik inne wohnt, erlebten die Besucher dann nach der Pause mit Gustav Mahlers 5. Sinfonie, die zu Lebzeiten des Komponisten auf wenig Gegenliebe beim Publikum stieß. „Die Fünfte ist ein verfluchtes Werk. Niemand kapiert sie!“ notierte Mahler 1905 nach einer Aufführung in Hamburg. Heute zählt sie zu den beliebtesten Sinfonien des großen böhmischen Komponisten, der 1907 im Zorn von der Wiener Hofoper (heute Staatsoper) schied und dem Florian Ludwig immerhin eines voraus hat: Anders als der Generalmusikdirektor 110 Jahre später in Hagen wurde Mahler seinerzeit nicht offiziell verabschiedet. Seine fünfte Sinfonie in all ihrer musikalischen Vielfalt war für Florian Ludwig das passende Werk, einen würdigen Schlusspunkt seines Hagener Schaffens zu setzen.

Wundervoll erklang insbesondere das sehr bekannte Adagietto zu Beginn der III. Abteilung, das Mahler einst als Liebeserklärung an seine spätere Frau Alma schrieb. Im Notentext dazu heißt es: „Wenn Musik eine Sprache ist, so ist sie es hier“. Und so schloss sich der Kreis auch zu E.T.A. Hoffmann…

 

Im Stehen entbotene, lang anhaltende Ovationen des Publikums würdigten am Ende die große Leistung von Orchester und Dirigent, der seinen Musikern zum Abschied hochwertige Triangeln schenkte. „Sie mögen dem ein oder anderen Oberbürgermeister zeigen, dass es schöneres Klingeln gibt als das der Kassen“, sagte Ludwig unter dem tosenden Beifall der Zuhörer. Verabschiedet wurden auch zwei verdiente Musiker des Orchesters. Mit Blumen und Frühstückskorb entließ Florian Ludwig mit Edward Gawlik (Erste Violine) und Rüdiger Brandt (Violoncello) zwei Mitglieder, die dem Orchester mehr als 30 Jahre meisterlich gedient haben.

Mit Florian Ludwig aber verlässt ein Generalmusikdirektor die Stadt Hagen, der dem Sinfonieorchester unter anderem mit Crossover-Projekten, mit „Scratch“ und Chorgründung viel neues Publikum erschlossen hat und dessen Wirken in der Volmestadt noch lange nachklingt.

 

 

 

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